
Ende Januar wurde in Berlin das erste Computer- und Videospielmuseum Europas in einer 70 qm großen ehemaligen Wohnung eröffnet - keine Frage, diesem Museums-Kleinod mußte ein Besuch am Eröffnungstag abgestattet werden. Ausgiebig wurde das Inventar getestet, man erfreute sich am Anblick seltener Exponate, wie des BBS01, dem einzigen "Bildschirmgerät des VEB Halbleiterwerks Frankfurt (Oder)" oder der Vectrex 3D-Brille. Um es kurz zu fassen: Nichts weniger als das Paradies für Nerds hat in der Rungestr. 20 in Berlin-Mitte Einzug erhalten. Was bietet sich da nicht mehr an, als ein Interview mit dem gesprächigen Museumsdirektor über die Geschichte der Videogames?
Andreas Lange, 29, ist seit September letzten Jahres
Direktor des Computer-und Videospielmuseums in Berlin.
Er sei eigentlich gar kein echter Spielefreak der ersten
Stunde, habe damals zwar Pong gespielt, aber dann hörte
es auch wieder auf. Lange ist studierter Religionswissenschaftler
und hat seine Abschlußarbeit über Computerspiele
geschrieben, d.h. er hat die Geschichten, die in den
Computerspielen erzählt werden, mit antiken griechischen
Mythen verglichen. Spiele sind für ihn Kulturgut,
wie Bücher und Filme auch, und ein interessantes
Medium, weil sie unsere aktuellen gesellschaftlichen
Entwicklungen widerspiegelt. Anhand von Computer- und
Videospielen können wir eine Menge über unsere
Gesellschaft lernen, wie auch überhaupt die mit
der Computertechnologien einhergehenden
Entwicklungen und Umwälzungen begreifen.
?: Dann laß uns mal zurückblicken. Alles fing ja mit Space Wars von Steve Russell 1962 an.
Das haben wir hier an einer Texttafel im Museum dokumentiert. Ich kann Space Wars leider nicht präsentieren, da wir bis jetzt noch nicht an das Programm herangekommen sind. Es wurde für Mainframe Rechner programmiert, die in den 60ern in den Universitäten und Unternehmen standen. Da ist die Frage, ob der Programmcode überhaupt noch existiert oder ob es gar eine Umsetzung auf PC gibt. Uns ist bisher noch nichts untergekommen. Space War genoß eine relative Popularität unter Studenten, die darauf aufmerksam geworden sind. Und einer dieser Studenten war Nolan Bushnell.
?: Aber er hat doch ziemlich erfolglos Space Wars kopiert oder?
Genau, er hat es kopiert. Bevor er Pong herausbrachte,
hatte er seinen ersten Versuch unternommen, ein Videospiel kommerziell zu verkaufen, aber es floppte. Seinen Pong-Prototypen
stellte er in einer legendären Kneipe, deren Namen
mir leider entfallen ist, 1972 in Silicon Valley auf. Nach drei Tagen meldete der Wirt, daß die Maschine kaputt sei. Nolan
Bushnell fuhr also hin, und es stellte sich heraus,
der Automat war tatsächlich kaputt, aber nicht weil er schlecht
gebaut war. Sondern der Münzspeicher, eine eingebaute Keksbuchse, war übergelaufen, und die Münzen hatten einen
Kurzschluß verursacht. Innerhalb der ersten drei
Tagen hatte er also schon mit seinem Prototypen einen
phänomenalen Erfolg gehabt.
Es war allerdings nicht so einfach, Finanziers zu finden. Er fragte erfolglos bei verschiedene Firmen an, die das Konzept Videospiel überhaupt nicht verstanden, und so war er gezwungen, seine eigene Firma zu gründen - und das war eben Atari. Irgendwie konnte er Gelder auftreiben, mietete eine ehemalige Roller Skate Bahn und installierte dann dort eine Produktionsanlage. Als Arbeiter waren hauptsächlich, na ja, Hippies angestellt. Die hatten den Vorteil, daß sie sowieso zufrieden waren, wenn sie das machen konnten, was sie wollten - sprich an Computern basteln, fette Joints rauchen und Metal im Hintergrund hören...
?: 1972 kam ein Gerät namens Odyssey von Magnavox
auf dem Markt, das Frank Sinatra der amerikanischen
Öffentlichkeit in einem Saturday Night Special
vorstellte.
Das war das erste Gerät, was für den Heimbereich
herauskam. Allerdings ist es gefloppt, denn es verkaufte
sich irgendwie nicht. Es war auch eine Pong-Variante. Der Programmierer namens Ralph Baer hatte
das Spiel sogar schon Ende der 60ern für eine
andere Firma produziert, die das Projekt allerdings
auf Eis gelegt hatte. Magnavox, der nordamerikanische
Ableger von Philipps, kaufte diese Lizenz auf und brachte
es als Magnavox' Odyssey heraus. Es geht sogar das
Gerücht um, daß Bushnell einen Prototyp
dieses Odyssey irgendwo gesehen hat und daraufhin dann
Pong programmiert hat. Gut, er ist aber derjenige,
der es zum Durchbruch gebracht hat....

?: Nach 60 verschiedenen Pong-artigen Spielen waren dann der nächste Schritt 1976 programmierbare Videogame-Systeme mit ROM-Cartridges. Das waren RCAs Studio II und Channel F von Fairchild. Wie beurteilst Du diese Systeme?
Das waren zwei Systeme, wovon wir das Fairchild als
Original hier haben - momentan allerdings in der Werkstatt.
Das Studio II war schwarz-weiß und von den Spielen
richtig schlecht. Das Channel F von Fairchild war farbig
und muß von den Spielen her gar nicht mal so
schlecht gewesen sein. Das Problem war eher eine Image-Geschichte,
denn man merkt ja, daß die Idee mit ROM-Cartridges
richtig war, weil ein Jahr später - 1977- das
Video Computer System von Atari herauskam...

?: Also der Atari 2600?
Ja, genau. Das schlug ein wie eine Bombe und wurde das weltmarktbeherrschende System. Jetzt kann man natürlich Vermutungen anstellen, woran es lag: Es war technisch sicherlich ein Tick besser als die anderen, aber der Hauptgrund lag wahrscheinlich darin, daß Atari ein besseres Image hatte. Es war die automatenherstellende Firma mit Knallerhits, wie Space Invaders, Break-Out, die sie dann auf den 2600er umsetzten. Die liefen natürlich nicht so gut wie auf einem Automaten, aber sie waren bekannt. Deswegen haben die ganzen Spieler dann das Atari-Ding gekauft und konnten mit dem Fairchild nicht soviel anfangen....
?: Es kam dann doch ein Game System auf den Markt mit einer BASIC Cartridge?
Das war das Bally Professional Arcade. Hier ist auch
ein ganz interessanter Ansatz: Es wurde versucht, eine
Spielekonsole mit einem richtigen Computer zu vereinbaren.
'78 brachte ihn die Firma Bally, die im Videoautomatensektor
ganz gut im Geschäft war, heraus. Und es war das
erste und bisher letzte Mal, daß sie versuchten,
auf dem Heimsektor Fuß zu fassen, denn sie verbrannten
sich furchtbar die Finger. Das Gerät war technisch
nicht schlecht, hatte auch gute Spiele, und man konnte
eben, und das war das besondere, mit einem bestimmtem
Basic-Programmodul eigene Programme schreiben.
?: Mattels Intellivision schlug doch auch diesen Weg zum Computer ein. Man konnte es zum Computer upgraden...
Ja, das war auch ein wichtiges System, welches wir nicht
im Museum haben, und worüber ich auch nicht viel
weiß. Ein anderes wichtiges System war aber das
von Magnavox 1978 herausgekommene Odyssey II, wo sie
nochmal versucht haben, den Anschluß an den Markt
zu kriegen. Hier in Europa wurde es als G7000 von Philipps
vertrieben. Wir haben es im Museum. Das hatte eine
richtige Tastatur, zwar nur eine Folientastatur, aber
ein qualitativer Fortschritt von den meisten Game Systems.
Diese hatten meist, wie das beim ColecoVsion der Fall
ist, nur zehn numerische Tasten und einen Joystick
eingebaut. Und es gab ein Modul, womit man seine Programme
selber schreiben konnte. Diese Entwicklung war ganz
neu, als zu der Zeit der Odyssey Bally und Intellivision
auf den Markt drängten. 1979 produzierte Atari
ihren ersten Heimcomputer, der 400er, der auch nur
eine Folientastatur und einen Schacht, wo man die Spielemodule
hereinstecken konnte, hatte. Man muß feststellen,
daß alle Versuche Computer und Videospiel zu
vereinbaren, eigentlich gescheitert sind.
?: 1982 warf der Pong-Veteran Coleco das ColecoVision der hungrigen Meute der Arcade-Spieler zu Fraß...
Ein sehr interessantes System. Es war technisch 1982
sehr innovativ. Es war dem VCS bzw. 2600 von Atari,
der ja mittlerweile auch schon fünf Jahre alt
und somit etwas betagt war, technisch weit überlegen.
Mit dem Intellivision von Mattel zusammen waren es
die innovativen Systeme Anfang der 80er Jahre. Es gab
interessante Zusatzgeräte, z.B. war für den
Colecovision ein Adapter erhältlich, mit dem man
Atari-Spiele verwenden konnte. Coleco hatte eine sehr
kleine, aber sehr feine Auswahl von Spielen.
Alles Automatenhits, für deren Lizenz sie ziemlich
viel Geld zahlten. Donkey Kong - der Smash-Hit in
den Spielhallen 1981. Das war übrigens der erste
Hit von Nintendo, nachdem sie noch Ende der 70er kleine
Gamewatch-LCD-Spiele vertrieben hatten. Das half natürlich
Coleco, sich am Markt zu etablieren. Sie haben dann
ein Zusatzmodul für Atari-Spiele gebaut und haben
damit ihre Spielebibliothek mit einem Schlag um tausend
Spiele erweitert. Atari war das System mit den absolut
meisten Spielen. Eine Masse Zeug also gegenüber
Coleco, die gerade mal 20 Spiele angeboten haben...
Ab zum zweiten Teil!