
"No Sports." Churchill.
Recht hat er! Während im Juli die Olympischen Spiele
live und auf der Mattscheibe toben solidarisieren wir
uns mit der Kultur-Olympiade, die die Organisatoren
des atlantaischen Sportspektakels ausgleichend zum
Bewegungswahnsinn ins Leben riefen. 60 Künstler
aller Nationen künstlen, der Rest schwitzt.
Eine der Künstlerinnen ist Regina Frank. Ihr Spiel:
Sprache, Perlen, das Internet und einer der teuersten
Stoffe der Welt: Shifu. Die Vereinigung von Papier
unf Seide!
Die Performance- und Multimedia-Künstlerin organisierte
mit dem Glasperlenspiel eines der größten
Kunstspektakel des Internet UND schlichter, archaischer
Kunst.
Der Zauber: Sie wird Datenträger in Perlen verwandeln
und tausende der geschichtsträchtigen Kleinode
in ihren papiernen Mantel weben. Jede Perle wird die
digitale Handschrift eines Users tragen. Im Wildpark
lassen sich täglich die Fortschritte ihres Projekts
bewundern und beeinflussen.
Kunst und Internet - ist ein bißchen mehr als
der Space in Reinkultur.
Regina Frank verbindet so schlichte Elemente wie Sprache,
das Internet und Gebrauchsgegenstände und überholt
mit Ihrer Aktion frühzeitig die Frage, wie dergleichen
denn bloß zusammenfinden kann.
In all ihren Projekten beschäftigt sich die 1965
geborene Berlinerin mit dem "Nomadisieren der
Information" und dem Reisen zwischen verschiedenen
Welten.
Das "Glasperlenspiel-Blues of Appearance",
das Regina Frank im Wildpark präsentiert, führte
sie zusammen mit dem amerikanischen Künstler Edward
Stein zunächst nach Japan, wo sie einen papiernen
Mantel aus Zitaten deutscher Philosophen webte. Dann
reisen die beiden zu den Olympischen Spielen nach Atlanta,
wo Regina Frank den Mantel mit einem Futter aus Perlen,
einem Netz von Konversationen, ausstatten wird. Die
täglich aktualisierte Website im Wildpark dokumentiert
den Entstehungsprozeß und lädt die User
zu einer Stellungnahme ein.
Das "Glasperlenspiel"-Projekt basiert auf
der Grundidee von Hermann Hesses gleichnamigen Roman.
Das Ludus Solemnis, das große Glasperlenspiel,
symbolisiert für die Künstlerin eine geistige
Olympiade, ein friedenstiftendes Kräftemessen,
einem Austausch von Konversationen. Sprache ist für
Regina Frank Inspirationsquelle und Erinnerung an die
eigenen Wurzeln: "Sie relativiert das geistige
Unbehaustsein, die transzendentale Obdachlosigkeit
im Global Village."
Regina Frank ist eine medienwirksame Persönlichkeit.
Das liegt nicht allein an der Zielstrebigkeit, mit
der sie ihre Projekte und vorher schon ihre Ausbildung
(Schneiderlehre, Sinologiestudium, Studium Set- und
Kostümdesign) verfolgt, sondern auch an ihren
Kunstwerken an sich. Ihr bislang wohl bekanntestes
Unterfangen, begonnen 1994, nennt sich "Hermes'
Mistress". Regina Frank sitzt, in ein rotes Riesenkleid
gehüllt, auf dem Boden und stickt in ihr Gewand
Satzketten "aus dem Internet" zu Perlenketten.
Sie möchte damit traditionelle Frauenarbeit mit
dem noch überwiegend von Männern beherrschten
Computerbereich zusammenbringen.
Monica Brandis
© Copyright Pixelpark 1996